• Grischtin

Wenn Gemeinschaft unter die Haut geht

Aktualisiert: Sept 14


Während den Sommermonaten herrscht in der Holzmatt in der Regel gemütliche Grill - und Ferienstimmung, die sich jeweils in den normalen Alltag ausweitet und wo man um 22.00 Uhr noch fröhliches Kindergeschrei vernimmt. Heute wäre wieder so ein Tag - herrliches Sommerwetter, Sonntag, alle haben frei.


Aber für ein mal wird es ganz leise, andächtig, still. Mitten am Nachmittag. Eine Kerze brennt beim Stöckli, geschmückt mit Rosenblättern und einem kleinen Blumenstrauss. Was dort in der Erde darunter liegt, ist, respektive war, noch sehr klein. Ein sechs Wochen alter Fötus, ein werdendes Menschlein, das jedoch beim Werden nicht genau dem vollkommenen Programm der Schöpfung gefolgt ist, als dass es hätte gross und stark werden können. So hat das kleine Herz wohl nur ein paar Tage geschlagen, ein paar aufbäumige Versuche, sich zum Leben zu erwecken.


Dahinter verbergen sich zwei Wochen höchsten Dramas. Unsere Mitbewohnerin, die erschrocken feststellt, dass sie wieder schwanger ist. Was eigentlich eine freudige Botschaft sein sollte, ist für sie schon zu Beginn mit viel Sorgen und Ängsten verbunden. Die familiäre Situation ist nicht einfach, sie würde das Kind gerne behalten, der Mann hat mehr als nur Zweifel daran. Werden sie das schaffen, als Flüchtlinge mit drei Kindern in der Schweiz? So gehen die Gefühle und Emotionen schon vor dem ersten Ultraschall auf und ab wie in einer viel zu schnell fahrenden Achterbahn - und wir sind mit auf dieser halsbrecherischen Fahrt und wissen selber nicht recht, wie uns geschieht. Dann der erste Ultraschall, es gibt "Probleme", das Kind ist wahrscheinlich nicht lebensfähig, bitte kommen Sie am Freitag wieder. Schliesslich die traurige Gewissheit - das eben erst geformte Herz pumpt nicht. Wie so oft in den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft. Es muss definitiv weg. Wenn man nun denkt, ach ja, das ist ja nicht so eine Sache, ein paar Tabletten, ein bisschen Blut und dann ist dieser Zellklumpen schon weg - nein, leider nein.


Trauer, Schmerzen (starke Schmerzen), ja - Blut - und plötzlich liegt der "Zellklumpen" da, gut sichtbar, eine prall gefüllte Miniaturfruchtblase. Spätestens in diesem Moment schluckt man nur noch leer. Auch wenn nichts erkennbar ist, man weiss, dieses kleine Etwas,das sich darin verbirgt, das waren wir alle mal. Daraus sind auch wir entstanden.


Und genau deswegen hat dieses "Chlümpeli" das Anrecht, dass es für einen Moment still wird in der Holzmatt - einen Moment des Inne Haltens und des Abschied Nehmens gibt. Ein Moment, um der trauernden Mama ein Plätzchen zu schaffen, wo sie weiss, da liegt es nun, da kann ich hin, immer wieder mal.

Ja, manchmal geht Gemeinschaft unter die Haut. Und gleichzeitig bin ich so dankbar, dass wir diese Momente überhaupt ermöglichen und erleben können. Dass wir den Platz und die Möglichkeit haben, dass auch die Kleinsten, Unvollständigsten und manchmal auch Unerwünschten unserer Gesellschaft ein Plätzchen bekommen und wir Anteil nehmen können sowohl am pulsierenden Leben wie auch im stillen Abschied nehmen!


Holzmattweg 36, 3122 Kehrsatz

031 832 69 13