• Grischtin

Manchmal braucht es den Turnverein

Aktualisiert: vor 4 Tagen


Nachdem unsere Kids langsam aus dem Gröbsten raus waren, sprich die Hauptmahlzeit unserer Jüngsten nicht mehr von meiner Brust abhängig war, entschied ich mich, doch auch etwas für die nach vier Schwangerschaften erschlafften Muskeln und anderen auf der Strecke gebliebenen Körperteile zu tun. Im tiefsten Oberland aufgewachsen, wo die Freizeitbeschäftigungen doch etwas rarer gesät waren als in der städtischen Umgebung und man wohl oder übel entweder in den Turnverein oder in den Turnverein ging, lag es nahe, mich nach einem eben solchen in Kehrsatz umzusehen. Und tatsächlich, es gibt einen Turnverein! Man kann sogar entscheiden zwischen Montagsturnen (über 50 Jahre) oder der aktiven Frauenriege (theoretisch unter 50 Jahre). Also, nichts wie los. Bei meinem ersten Mal war ich ehrlich gesagt doch etwas erstaunt, mit meinen damals etwa 34 Jahren doch deutlich zur jüngsten Generation zu gehören und mich inmitten von Frauen wieder zu finden, die meine potenziellen Mütter sein könnten. Aber also, Hut ab, diese Damen sind fit wie Turnschuhe und schnell wich meine Skepsis grossem Respekt und der Freude daran, 1 Mal pro Woche mit diesem illustren Grüppchen zu "trainieren" - dank einer sehr fitten Leiterin kam ich auch tatsächlich ins Schwitzen und die erstaunten Bemerkungen "Ja Wahnsinn, wie schnell du bist und dass du das noch kannst" (ehm ja, ich bin nur etwa 30 Jahre jünger) gingen runter wie Honig.

Item, wie es zu einem richtigen Verein gehört, gibt es natürlich auch ein Weihnachtsessen. Und da passierte dieser wunderbare Moment: eine unserer sehr aufgeweckten älteren Damen kam während des Essens mit mir ins Gespräch und natürlich war ich als realtiv frische Miteigentümerin der Holzmatt ein gefundenes Fressen, um auf den neuesten Stand zu kommen, was denn "da oben" so alles passiert ist in den letzten Jahren (ja ja, die Gerüste habe man schon gesehen...). Die Frau selber war eine alteingessene Kehrsatzerin und es war schon nur spannend für mich zu erfahren, wie hier früher alles ausgesehen hatte usw. Dann plötzlich meint sie:"Du aber wart mal, das Käthi Schafroth ist doch in der Holzmatt aufgewachsen" und im nächsten Moment stellt sie mich einem ca 80-jährigen Ehrenmitglied vor.


Käthi ist nicht nur in der Holzmatt aufgewachsen, sie ist in unserem Haus zur Welt gekommen!! Schlagartig bekomme ich Hühnerhaut und bin tief berührt! Die Frau, die da vor mir steht und die ich ohne den Turnverein wohl nie kennen gelernt hätte, ist ein lebendiger Teil der Geschichte unseres Hauses. Sie weiss, wie es vor 80 Jahren hier ausgesehen hat, sie ist eine Tochter der bereits im Geschichtsteil beschriebenen Familie Jaggi, die lange Zeit den Hof gepachtet hatte!

Natürlich lade ich Käthi ein, uns doch mal zu besuchen und schauen zu kommen, was wir aus ihrem ehemaligen Zuhause gemacht haben. Das tue ich auch bei jedem weiteren Anlass, wo ich Käthi sehe. Sie bleibt immer etwas zurückhaltend, meint aber, mo moll, sie würden dann schon mal kommen.

Und jetzt, beim diesjährigen Weihnachtsessen, springt der Funke. Per Zufall sitzen wir quasi vis-à-vis und da beginnt das Bächlein zu plätschern.

"Wie ist das denn jetzt genau, da war damals ein Brunnen, ist der noch (leider nein) und dieser riesige Gang, der die beiden Häuser verbindet, ist der auch noch? Ach, das war unser erweitertes Wohnzimmer. Da haben wir jeweils im Sommer gegessen an einem langen Tisch" und ich kann mir vorstellen, wie die 9-köpfige Bauernfamilie lebhaft im Gang speist, welchen auch ich in der kurzen Zeit, wo er noch war, sehr genossen habe, der jetzt aber in Eingang, Bad und Büro umfunktioniert ist. Und weiter gehts: "Ah weisst du, im Wohnzimmer war nur ein riesgier Holzofen, der wurde dann feuerheiss und daneben war es eiskalt. Und der Teich im Garten und der alte Nussbaum? Ah ja, das Stöckli war noch nicht, das war nur ein kleines Zimmer - da habe ich dann mit meinem Mann gewohnt und später unten im Stöckli (im anderen Bauernhaus)."


So geht es Ping-Pong hin und her; die junge Eigentümerin taucht mit der erfahrenen "Holzmatterin" ein in dieses wunderbare Haus und es ist nicht klar auszumachen, welche Augen dabei mehr glänzen. Unsere Tischnachbarinnen versuchen am Anfang noch, uns zu folgen, doch schnell merken sie, dass da zwei in eine Welt entrückt sind, wo sie aussen vor sind.


Zum Schluss meint sie: "Weisst du, ich habe immer gedacht, dass ich nirgendwo anderes leben kann als in der Holzmatt. Nachdem wir dort fort gingen, dachte ich, aber sicher nirgendwo anders als in Kehrsatz und da sind wir heute noch! Nächstes Jahr kommen wir bestimmt und es ist schön, dass wir uns hier gefunden haben und sich der Kreis irgendwie schliesst!"


Genau Käthi, das finde ich auch und ich freue mich darauf, mit dir zusammen diese "neue Holzmatt" zu entdecken und gleichzeitig in die "Alte" zurück zu gehen!


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Holzmattweg 36, 3122 Kehrsatz

031 832 69 13